Wie tolerant bist du wirklich?

erstellt am: 20.08.2017 | von: Susanne Lorenz

Was Toleranz alles beinhaltet

Wahrscheinlich denkst Du auch als erstes an das Thema Flüchtlinge, wenn Du von Toleranz hörst. Doch Toleranz bezieht sich auf so viel mehr!

Toleranz

Toleranz ist ein mächtiges Wort. Doch was bedeutet es eigentlich und auf was bezieht es sich?

Toleranz kommt vom lateinischen „tolerare“ und heißt so viel wie „ertragen, erdulden, erleiden“. Hättest Du das gewusst? Toleranz ist im Deutschen überwiegend positiv besetzt. Toleranz wünschen wir uns von Anderen, insbesondere dass sie uns gegenüber tolerant sind und natürlich auch gegenüber anderen Menschen, Kulturen und Religionen.

Tolerant oder liberal?

Doch eigentlich ist „ertragen, erdulden, erleiden“ etwas Negatives. Denn wer von uns will schon etwas erdulden oder ertragen? Tolerieren wäre danach also eher etwas, was Stress verursacht. Und unsere Reflexe sind immer noch so, dass wir auf Stress mit Flucht, Erstarren oder Kampf reagieren. Doch Stress sollten wir eigentlich eher vermeiden, wenn es um Toleranz geht.

Vera F. Birkenbihl machte auch deshalb in ihrem Buch „Psychologisch richtig verhandeln“ den Vorschlag, eher mit dem Begriff „liberal“ zu arbeiten statt mit „tolerant“. Liberal zu sein verursacht nämlich keinen Stress, also auch keinen Flucht- oder Kampfreflex.

Normal und anders

Egal, ob wir es nun tolerant oder liberal nennen, auf was bezieht sich das Tolerantsein jetzt genau?
Von Toleranz sprechen wir immer dann, wenn etwas anders ist als normal und es uns deswegen auffällt. Wir schauen, wie wir damit umgehen und ob wir es erdulden können.

An dieser Stelle müsste ich nun eigentlich definieren, was „anders“ und was „normal“ ist. Das ist aber nicht so einfach. Denn was „anders“ ist und was „normal“, definiert jeder für sich selbst. „Normal“ ist das, was die Mehrheit von uns als solches empfindet, könnte man sehr vereinfacht sagen. Doch das finde ich eben zu einfach.
Was für uns normal ist, hat etwas damit zu tun, was wir für eigene Erfahrungen gemacht haben. Kinder mit Geschwistern finden wahrscheinlich Familien nicht normal oder anders, die wenig oder keine Kinder haben. Arbeiten alle Familienmitglieder Vollzeit und waren nie arbeitslos, empfindet man Arbeitslose als anders und Arbeitslosigkeit eben als nicht normal.

Natürlich ist das jetzt vereinfacht dargestellt, das macht es aber klarer.

Toleranz für…?

Neben den großen Themen wie Religion, Herkunft und Sexualität, geht es auch um viele kleine.

Wie sehen andere Menschen aus? Wie sind sie gestylt, was tragen sie? Bist Du offen für alle Mitarbeiter oder Kollegen? Egal wie viele Tätowierungen und Piercings sie haben? Und wie liberal bist du in Bezug auf andere Meinungen?

Meinungen tolerant begegnen

Andere Meinungen können Dein Selbstbild angreifen. Jeder hat eine bestimmte, eigene Wahrnehmung und auch in Bezug auf gewisse Themen schon vorgefertigte Meinungen. Wenn wir uns sehr mit unser Meinung identifizieren, haben wir den Drang, sie auf Teufel komm‘ raus zu verteidigen. Das können Sachen sein, wie „Als Firmeninhaber sollte man eine Webseite haben und social media Kanäle nutzen“ oder „Als Selbständiger hat man kein Privatleben“ oder “ Als Mutter sollte man eine bestimmte Zeit zu Hause bleiben, bis man wieder arbeiten geht“
oder auch „Führungskräfte können nicht auf einer Teilzeitstelle arbeiten“.
So litt tatsächlich eine Freundin von mir darunter, dass sie jahrelang Führungskraft war, dann Mutter wurde und keine Teilzeitstelle bekam. Sie versuchte, beides unter einen Hut zu bringen (Beruf und Familie) und war letztlich am Ende ihrer Kräfte, weil es in ihrer Firma nicht vorgesehen und unvorstellbar war, dass Führungskräfte in Teilzeit arbeiten. Da fehlte es einfach an Offenheit für andere Lebenssituationen.

Bist Du also selbst der festen Meinung, dass man als Führungskraft Vollzeit arbeiten muss und kommst ins Gespräch mit jemandem, der anders darüber denkt, kann das Dein Weltbild ins Wanken bringen und ihr werdet heftig darüber diskutieren.

Selbstbewusstsein

Wie Du letztlich mit Dingen umgehst, die „anders“ sind, liegt an verschiedenen Punkten. Es hat auf jeden Fall viel mit Deinem Selbstbewusstsein zu tun. Je selbstbewusster Du bist, desto eher kannst Du andere Meinungen und Werte akzeptieren bzw. tolerieren. Du kannst Dich dazu austauschen, wer welche Meinung hat, warum er diese hat und wie man oder Du dazu steht.

Woher weißt Du das?

Wichtig ist auch, herauszubekommen, wie sich Deine und die Meinung des Anderen gebildet hat. Woher weiß ich, dass bestimmte Dinge nicht gehen (Führungskraft als Teilzeitkraft)? Habe ich selbst Erfahrungen damit gemacht oder von anderen darüber gehört? Schließlich hat das oft etwas mit Vorurteilen zu tun und diese sind nunmal Verallgemeinerungen. Verallgemeinerungen haben eigentlich den Nutzen, dass sie uns helfen sollen, bestimmte positive Erlebnisse wiederholen zu können oder negative Erfahrungen nicht nochmal zu machen.

Eigene Erfahrung

Am Anfang meiner Arbeit als Führungskraft machte ich negative Erfahrungen mit einer bestimmten Mitarbeiterin. So bildete sich das Vorurteil bei mir, Menschen wie diese Mitarbeiterin sind schlechte Arbeiter. Glücklicherweise erkannte ich, dass ich hier nicht vorurteilsfrei bin und arbeitete daran. Mittlerweile habe ich positive Erfahrungen gemacht mit Menschen, die so ticken wie meine ehemalige Mitarbeiterin und sehe das Ganze neutraler. Ich habe aus meiner Erfahrung und meinem Vorurteil gelernt. Man kann nicht einfach alle über einen Kamm scheren. Zudem hat jeder Phasen, in denen er unkonzentrierter und dadurch schlechter arbeitet.

Toleranz bei der Arbeit

Oft entstehen auch dann Konflikte, wenn die Arbeitsabläufe nicht von allen gleich umgesetzt werden. Auch hier hat es etwas mit Toleranz zu tun, dass jeder seinen eigenen Weg finden darf oder auch muss. Was spricht dagegen, solange die Ergebnisse stimmen und es nicht wesentlich mehr Zeit kostet?

Toleranz hat nicht nur etwas mit Religion oder Herkunft zu tun. Nein, es geht letztlich um alles, was anders als (für mich) üblich ist. Seien es nun Ansichten, Werte, Dialekte, Kleidungsstile oder Arbeitsweisen.

Der eine redet Dir zu viel, der nächste zu laut. Der eine Kollege braucht viel Platz und räumt seinen Schreibtisch zu selten auf. Die Kollegin empfindest Du als aufdringlich, weil sie zu viel Privates von sich erzählt.

All diese Aspekte gehören ebenfalls zum Thema „tolerant“ oder „liberal“ sein dazu . Schaue also auch hier genau hin, wie Du damit umgehst und warum Dich das ein oder andere stört.

Kontext berücksichtigen

Natürlich hat Toleranz auch etwas damit zu tun, wie groß der Leidensdruck ist. Je mehr mich das Thema betrifft, desto schwieriger kann es werden.

Arbeitszeiten in der Firma ändern, um dem Ausmaß an Aufträgen gerecht zu werden? Ja, okay, solange es mich nicht betrifft. Meine Arbeitszeiten ändern für drei Tage? Ja, vielleicht geht man da auch noch mit. Meine Arbeitszeiten ändern für einen längeren Zeitraum? Nein, das geht ans Eingemachte.

Toleranz in Bezug auf Dich selbst

Noch etwas Wichtiges: Toleranz bezieht sich nicht nur auf andere, sondern auch auf Dich selbst!

– Wie siehst Du Dich selbst?
– Was magst Du an Dir und was kannst Du nicht akzeptieren?
– Wo gehst Du zu streng mit Dir ins Gericht, anstatt es zu tolerieren?

Oft mögen wir bei anderen Eigenschaften nicht, die wir selbst haben und an uns nicht leiden können. Wir tolerieren nicht, was andere tun, weil uns selbst dafür das Talent fehlt. Fange also bei Dir selbst an und finde heraus, was Du magst und was nicht und warum das so ist. Nimm Dir die Zeit zum Reflektieren.

Muss ich alles tolerieren?

Nun könntest Du denken, dass man heutzutage sehr tolerant sein soll oder gar muss. Auch da bin ich der Meinung, dass Du gerade dann tolerant sein solltest, wenn Du es mal nicht sein kannst. Schließlich sind wir alle nur Menschen.

Wie spreche ich aber etwas an, was ich nicht tolerieren möchte?

Wenn Du Dich entscheidest, dass Du etwas nicht tolerieren kannst und es definitiv ansprechen willst, kannst Du das beispielsweise mit der Methode der gewaltfreien Kommunikation tun.

Hierbei gehst Du in vier Schritten vor:

1. Beobachtung

2. Gefühl

3. Bedürfnis

4. Bitte

Umsetzung der vier Schritte:

1. Du beschreibst wertfrei, was passiert ist, ohne Pauschalisierungen und Vorwürfe.

2. Du sagst, was Du dabei fühlst (Ärger, Irritation, Hilflosigkeit o.ä.).

3. Du sagst, was Dir fehlt (Unterstützung, Offenheit, Information o.ä.).

4. Du bittest um etwas, damit die Situation besser und Dein Bedürfnis erfüllt wird.

Ein konkretes Beispiel:

Als Filialleiterin hatte ich eine Mitarbeiterin, die sich sehr offenherzig anzog. Ohne Zweifel, sie sah gut aus, hatte eine tolle Figur und wollte das auch zeigen. An sich hat es mir auch gefallen, doch als Filialleiterin muss ich auch an alle Kunden denken, den Schutz meiner Mitarbeiter und auch an das Image der Firma.

Ich überlegte für mich, was dahinter stecken könnte und sprach sie an.

Beobachtung: Kathrin trägt durchsichtige und kurze Kleidung, in der man einen Großteil ihrer Haut sieht.

Gefühl: irritiert, besorgt (wegen der Kunden, aber auch wegen ihr)

Bedürfnis: Angemessenheit, Sicherheit, Schutz

Bitte: Bitte kleide dich hier in der Arbeit so, dass dein Hintern bedeckt ist.

Die Bitte muss konkret sein, sonst weiß sie nicht, was mich stört und was sie ändern soll. „Bitte kleide dich angemessen“ wäre hier also zu allgemein.

Meine Mitarbeiterin hat mich verstanden und sich danach immer passend angezogen. In ihrer Freizeit hat sie dann wieder ihre Lieblingssachen getragen. Sie hat sich einfach vor und nach der Arbeit umgezogen.

Mehr zur gewaltfreien Kommunikation im Business findest Du unter www.wirksam-kommunizieren.de.

Über mich

Susanne Lorenz unterstützt Führungskräfte durch ihr Coaching und ihre Seminare zur gewaltfreien Kommunikation dabei, Konflikte schneller zu erkennen und sich in Konfliktsituationen weniger zu ärgern. So haben Manager mehr Energie für ihr Tagesgeschäft und fühlen sich deutlich entlastet.

Zusätzlich verbessern sie damit das Betriebsklima, da Konflikte verringert werden, dadurch nicht mehr belasten und Probleme offen angesprochen werden können. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass sie selbst und ihre Mitarbeiter dadurch produktiver und entspannter arbeiten können.

Mit dem Background ihres Linguistikstudiums, der mehrjährigen Berufserfahrung als Führungskraft und der Coachingausbildung unterstützt Susanne Lorenz Manager voranzukommen.

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  1. Wie tolerant sind Sie wirklich und wie stehen Sie zum Thema Toleranz? Ich freue mich über Ihre Kommentare, Fragen und Anmerkungen.

  2. Martin sagt:

    Sehr geehrte Frau Lorenz,

    interessanter Artikel. Selten liest man etwas zu dem Thema Toleranz in Verbindung mit Führung.
    Als Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebes muss ich häufig Verhalten und Auftreten von Mitarbeitern beobachten, dass ich in meiner Funktion und Verantwortung für den Betrieb nicht einfach tolerieren kann bzw. darf. Ich muss dann die Dinge ansprechen. Klar und deutlich.
    Ihr Beispiel mit ihrer ehemaligen Mitarbeiterin finde ich jedoch sehr passend, um einmal deutlich zu machen, was ich wie ansprechend kann, ohne den Mitarbeitern bloßzustellen oder vorschnell in eine Ecke zu drängen.

    Gibt es für sie einen Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz in Bezug auf Führungshandeln bzw. -verhalten gegenüber Mitarbeitern? Sehen sie Toleranz nur in der Hierarchie nach „unten“ oder auch nach „oben“?

    Ich freue mich auf ihre Antwort.

    Martin

    1. Hallo Martin,

      vielen Dank für den Kommentar. Toleranz oder liberales Denken und Handeln sind für mich in alle Richtungen wichtig, egal, welche Position man hat. Akzeptanz geht für mich noch einen Schritt weiter als Toleranz. Nur, weil ich etwas toleriere, heißt es noch nicht, dass ich es auch akzeptiere.

      Viele Grüße
      Susanne

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