Keep calm – die Sache mit der Gelassenheit

erstellt am: 18.12.2016 | von: Jörg Unkrig

meditate
Gelassen bleiben ist oft einfacher gesagt als in der konkreten Situation tatsächlich getan. Doch wollen wir nicht alle etwas gelassener werden, Kritik mit Schlagfertigkeit oder zumindest Humor begegnen, uns nicht stressen lassen und Konflikte nicht als Provokation sehen?

Wenn ich Stress habe, dann gehen mir meine Kollegen gehörig auf den Zeiger, wenn sie sagen: „Bleib‘ doch mal ruhig, atme mal durch und nimm’s gelassen!“ „Schwätzer“, denke ich und „ihr habt leicht reden! Geht doch einfach zurück auf eure Blumenwiese!“ Als wüsste ich nicht selbst, dass Coolness viel besser wäre, für mich, meine Gesundheit und für’s Standing gegenüber meinem „Gegner“.

Täglicher Kampf

Gelassenheit theoretisch zu beherrschen und auch in der Praxis auszuüben ist ein täglicher Kampf mit mir und meiner persönlichen Gelassenheit. Denn eigentlich hat sie die Natur gar nicht für uns vorgesehen. Wie so oft spielt auch hier die Evolution und unser altes Gehirn die entscheidende Rolle. Unsere Urahnen konnten nicht über Gelassenheit verfügen, weil ihr Leben von schnellen Entscheidungen und Handlungen direkt abhängig war. Tja, die Sache mit dem Säbelzahntiger.

Mandelkern

Deswegen reagiert unser Angstzentrum, die Amygdala, als Alarmglocke in unserem Gehirn, insbesondere dann, wenn wir etwas als unangenehm oder bedrohlich wahrnehmen. Mutter Natur hat das so eingerichtet, damit wir in solchen Situationen direkt aktiv werden können (Angriff- oder Fluchtverhalten).

Grundlos ängstlich, Erfahrung hilft

Heute brauchen wir eine solche Verhaltensweise kaum noch, trotzdem ist sie tief in uns verankert und dadurch schwierig zu beherrschen, was aber möglich ist.

Je älter wir werden, umso mehr nützliche Erfahrungen haben wir in Bezug auf unsere Ängste gesammelt. Wir können mit Anfeindungen, Krisen und Widrigkeiten im Leben besser umgehen und diese in den Gesamtkontext einsortieren. Manche nennen das Altersweisheit, nicht zu verwechseln mit Altersstarrsinn. Auch wenn uns diese Sachen berühren und treffen, können wir unsere Balance schneller wiederherstellen, wenn wir in ähnlichen Situationen gute Erfahrungen gemacht haben und diese jetzt abrufen können.

Allen zugänglich

„Ich wünsche mir die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen,

die ich nicht ändern kann;

den Mut,

Dinge zu ändern,

die ich ändern kann;

und die Weisheit,

das eine vom anderen zu unterscheiden.“

buddah

Jeder kann Gelassenheit bewusst trainieren, indem er sich mit seiner Person und dem, was ihn aus der Ruhe und Balance bringt, beschäftigt.

Klar ist – manche Menschen geraten schneller aus der Ruhe als andere – das ist auch eine Frage des persönlichen Temperaments, manche sagen auch Charakters. Doch gerade wenn Sie zu den „HB-Männchen“ in Sachen Stress gehören, wenn Sie also schnell „in die Luft gehen“, ist es sinnvoll, dass Sie sich gezielt ein paar Techniken aneignen, die Sie wieder ruhiger werden lassen.

Eine Übung ist ganz einfach, effektiv und fast überall – auch zwischendurch – anwendbar: Setzen Sie sich bequem auf einen Stuhl und lassen Sie den Atem fließen. Schenken Sie Ihrer Atmung bewusste Aufmerksamkeit. Atmen Sie ruhig und langsam durch die Nase ein. Beginnen Sie die Atemübung: Zählen Sie beim Einatmen langsam bis vier oder fünf, je nach Empfinden. Gönnen sie dann ihrem Atem eine kurze Pause. Atmen Sie durch den Mund aus und bremsen Sie dabei den Atemfluss etwas mit den Lippen ab. Zählen Sie bis fünf oder sechs (eine Zahl mehr als beim Einatmen), aber etwas langsamer als bei der Einatmung. Danach folgt wieder eine kurze Pause, bis der nächste Atemzug beginnt. Führen Sie langsam und ohne Hast drei bis fünf dieser ganz bewussten Atemzüge aus. Jeder einzelne ihrer Atemzüge – ob Sie ihn nun bewusst erleben oder ob Sie der „Automatik“ vertrauen – versorgt alle Zellen Ihres Körpers mit dem Lebenselixier Sauerstoff, also mit purer Energie. Der Atem liefert Ihnen, was der Stress Ihnen raubt: Energie. Zudem gibt es in unserem Körper eine Art Gaspedal (Einatmen) und eine Art Bremse (Ausatmen).

Wenn Sie diese kleine, praktische Übung in den nächsten Wochen täglich üben, können Sie sie in einer Stresssituation unbemerkt oder direkt im Nachgang dazu anwenden. Der Effekt, den Sie schnell bemerken werden ist: Sie werden gelassener und können sich entspannen.

Recht haben wollen oder glücklich sein

Was man auch gut lernen kann ist, dass man nicht in jeder Situation auf sein Recht pochen muss und sich erst zufrieden gibt, wenn man es zugesprochen bekommt. Auf seinem Standpunkt zu beharren, verhärtet die Konfliktsituation meist und beide Parteien steigern sich weiter hinein, die eigenen Standpunkte verhärten sich noch weiter. Die Lösung rückt in weite Ferne.

Durchbrechen Sie aktiv diesen Kreislauf und fordern Sie ihr (vermeintliches) Recht nicht vehement ein, sondern geben Sie sich zufrieden, wenn Sie einzelne (Teil)Ziele erreicht haben. Auch eine „Win-Win“-Situation trägt zu Gelassenheit bei.

Eigenes Empfinden

Wir alle haben Angst, etwas falsch zu machen, nicht gemocht oder anerkannt zu werden oder noch schlimmer, sozial ausgegrenzt zu sein. Täglich tragen wir Sorgen über das eigene Aussehen, das berufliche oder private Scheitern oder auch Terroranschläge mit uns herum. Entspannt ist das nicht, gerade weil unsere Gedanken und das Empfinden dazu meist diffus und undeutlich sind. Wären sie klar und deutlich, könnten wir es konkret angehen und bewältigen. Dazu kommt, dass uns höchst Unangenehmes oder Belastendes länger in den Kleidern bleibt als Angenehmes und wir dazu in unserem Gehirn rote Ordner anlegen (so hat es Hirnforscher Dr. Bernd Hufnagl einmal beschrieben), die immer wieder aufpoppen, Aufmerksamkeit verlangen und uns aus der Ruhe bringen.

Säbelzahntigerbabys

Das was bei uns seit Urzeiten tief verankert ist, hilft uns aber auch echte Bedrohungen und Gefahren schnell wahrzunehmen und aktiv zu werden. Wir müssen also beide Punkte in Einklang bringen und Gelassenheit bewusst trainieren. Dazu hilft es, die auslösende Situation zu analysieren und zu überlegen, was mir Angst macht und mich aus der Bahn wirft.

Was wir in Bezug auf Gelassenheit von Babys lernen können? In aller Regel beruhigen sich schreiende Babys, wenn sie Zuwendung erleben und Hilfe. Fürsorge, Hilfe und Liebe sind also eine Möglichkeit, wieder in die eigene Balance zu kommen und Gelassenheit zu empfinden. Machen wir selbst diese Erfahrung, überträgt sich diese Empfindung auch auf Stresssituationen, weil ich weiß, dass ich Menschen hinter mir habe, die zu mir stehen, mich stärken und mir bei Konflikten helfen. Diese Erfahrung stärkt unsere Resilienz sowie das Selbstmitgefühl und unser Selbstwertgefühl.

Seinlassen

Wir müssen lernen, dass HIER UND JETZT anzuerkennen und nicht versuchen alles zu ändern. Wir müssen zu manchem auch einfach „JA“ sagen und es so annehmen wie es ist, denn nicht alles können wir ändern. Es muss uns nicht alles gefallen, aber wir müssen auch nicht alles direkt als Feind betrachten. Diese Einstellung kommt nicht von heute auf morgen, aber durch Erfahrung und Betrachten einer schwierigen Situation aus der Metaebene können wir auf Dauer gelassener werden.

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  1. Jörg Unkrig sagt:

    Was macht Sie gelassener? Was machen Sie konkret, wenn Ihnen mal wieder der Hals schwillt? Reicht durchatmen und bis 10 zählen aus oder braucht es mehr?

  2. Gelassenheit auf Knopfdruck: Man kann Gelassenheit „ankern“. Das jedenfalls hilft mir immer wieder. Ich aktiviere das Gefühl der Gelassenheit auf Knopfdruck. Es handelt sich beim Ankern um einen einfachen Reiz-Reaktions-Mechanismus. Man ruft sich das Gefühl „Gelassenheit“ in Erinnerung. Sie alle haben schon Situationen erlebt, in denen Sie gelassen waren.

    So ankern Sie:
    Erinnern Sie eine Situation in der Sie gelassen waren. Was sehen Sie da? Was hören Sie da? Wie fühlt sich das an? Wenn Sie im Gefühl der „Gelassenheit“ sind, drücken Sie einen Punkt, beispielsweise an einem Fingerknöchel und sagen das Wort „Gelassenheit“. Wenn es geklappt hat, kommen die Bilder, Geräusche und das Gefühl weider, wenn Sie den Punkt erneut drücken und das Wort dazu sagen. Einfach mal ausprobieren…

    1. Jörg Unkrig sagt:

      Klasse, Herr Zirbik, für die Beschreibung der Anker Methode und wie man sie konkret anwendet.
      Ich habe selbst schon die Erfahrung gemacht, das sie gut funktioniert und man sie sie gut in Stresssituationen anwenden kann.

  3. Diana sagt:

    Hallo Jörg
    du sprichst mir aus dem Herzen. love it – leave it – or change it….und ich versuche oft die Methode:“love it“.
    Gelassenheit lerne ich von meiner Katze. Einfach zuschauen, wie sie sich einrollt und ruhig vor sich hindöst und ein ander Mal: wach und höchst konzentriert.

    Mein Säbelzahntiger VITUS ist mein grösster Lehrmeister….und ich ein Lehrling im ersten Lehrjahr.

    Danke für diesen Impuls. Einen guten 4. Advent!

    1. Jörg Unkrig sagt:

      Danke Diana für dein konkretes Beispiel.

      Beste Grüße auch an deinen kleinen säbelzahntiger.

  4. Gregor Heise sagt:

    Lieber Jörg!

    Ein gut geschriebener Artikel – und eine schöne Konizidenz mit meinem Blogbeitrag „keine Torschlusspanik im Dezember!“ http://www.heisetraining.at/wpblog/zeitmanagement_jahresende/
    Gelassenheit kann man auf vielfältige Art und Weise erlernen – das Wichtigste aus meiner Sicht ist es, den Geist zu beruhigen. Ich empfehle, alles zu notieren, was einen beschäftigt.
    Wichtig ist es auch, alle Ablenkungen fernzuhalten – also konzentriert an einer Sache dran zubleiben. Man hat festgestellt, dass unser Gehirn eine gewisse Zeit braucht, um sich auf eine Sache einzuschwingen. Ein guter Wert ist in etwas 1/2 Stunde, an der man an einer Sache dran bleiben soll. Also: alles was stört entfernen und sich konzentriert einer Sache widmen – und schon wächst auch die innere Gelassenheit.
    Meditation, Spazierengehen, Perspektiven wechseln, Verzicht leisten (z.B. Fasten und dann das Essen bewusst erleben) usw. sind weitere Methoden, die helfen. Es ist aber mehr ein „Weg“ als ein „Tool“, das man sich „reinzieht“. Alles eine Frage der Haltung! Die könnte man auch gut mit Mottozielen fördern (auch darüber etwas in meinem Blog) – z.B. „Mit Ruhe und Schritt für Schritt meistere ich den Arbeitstag!“

    Liebe Grüße und frohe Weihnachten

    1. Jörg Unkrig sagt:

      Hallo Gregor,

      Auch an dich ein Dankeschön für deine Ergänzungen und Expertentipps. Entspassung und Gelassenheit ist eben für viele ein Thema zum Jahresende.
      Finde auch deinen Blogeintrag dazu lesenswert.

      BG und eine gute Zeit

      Jörg

  5. „Ich wünsche mir die Gelassenheit,Dinge hinzunehmen,die ich nicht ändern kann;den Mut,Dinge zu ändern,die ich ändern kann;und die Weisheit,das eine vom anderen zu unterscheiden.“
    Das ist einer meiner liebsten Sprüche – einfach deshalb, weil man wenn man dannach lebt, um so soviel leichter ist. Leider – da gebe ich dir Recht, ist das in der Praxis nicht immer so einfach.
    Vielen lieben Dank für deine Anregungen.
    Melanie – http://www.honigperlen.at

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